Wohngesundheit: soll natürlich passen

Die Neandertaler hatten es einfach. Ihre Behausungen waren noch zu 100 Prozent “Bio”. Im schlimmsten Fall musste der Urmensch im Winter einen Bären aus der gewählten “Immobilie” vertreiben. Keine Möbel, keine Tapete, nichts von dem, was für uns heute einen Teil Behaglichkeit ausmacht und zugleich Gefahren für die Wohngesundheit birgt. Mit Fragen nach der Wohngesundheit befassen sich dennoch nur wenige bei der Suche nach den eigenen vier Wänden. Auf lange Sicht ist dies jedoch ein wichtiger Punkt beim Wohnen. Wir modernen Menschen halten uns im Gegensatz zu unseren steinzeitlichen Vorfahren bis zu 80 bis 90 Prozent in geschlossenen Räumen auf. Die Qualität der gebauten Wohn- und Arbeitsumgebung ist also entscheidend für Wohlbefinden und Gesundheit.Heinrich Zille, der berühmte Maler vom Berliner Kiez, wurde zu Zeiten von Mietskasernen und Plattenbauten gern mit dem Satz zitiert: “Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genau so töten wie mit einer Axt.” Die Menschen damals hatten kaum eine Wahl. Sie mussten das Dach über den Kopf nehmen, das sie sich leisten konnten. In unseren Zeiten sind zwar vielerorts die Mieten ein “Totschlagargument”. Doch die meisten Hauser sind solide gebaut und dank zahlreicher moderner Baustoffe trocken, sicher und warm. Heutzutage legen wir nicht selten selbst die Fallen aus, die für unser alltägliches Wohlbefinden abträglich sind.Schadstoff können die Wohngesundheit beeinträchtigenHatten es unsere Ahnen mit hygienischen Mängeln oder natürlichen Gefahren zu tun, sind es heutzutage Unwohlsein und Kopfschmerzen durch Lösemittel, tränende Augen, gereizte Schleimhäute oder sogar Krebsgefahr, die durch Formaldehyd und andere Chemikalien hervorgerufen werden. Diese können sich in Möbeln, Tapeten und Baustoffen, Farben oder Textilien verbergen. Eine zu hohe Schadstoffbelastung machen bisweilen Schulen, Kindergärten und Privathäuser sogar unbenutzbar: Schadstoffe direkt aus Baustoffen oder Hilfsstoffe zur Ver- und Bearbeitung können eine Gesundheitsgefahr werden.

Tipps für Bauherren und Modernisierer:
Für eine unangemessene Innenraumbelastung kann es sechs grundlegende Ursachen geben:

  1. Baustoffe
  2. Bauart und Verarbeitung (Baufehler, Materialauswahl, Verwendung von schädlichen Baustoffen, Hilfsstoffen)
  3. Ein zu geringer Luftwechsel (zu wenig Frischluftzufuhr, Feuchtigkeit, Schimmel, Anreicherung mit Schadstoffen und Feinstaub)
  4. Verhaltensbedingte Ursachen (Feuchtigkeit, Lüftungsverhalten, Rauchen, Duftstoffe, Ausstattungen, Drucker und Kopierer etc.)
  5. Umweltbedingte Ursachen (Immissionen, Kontakt zu Schadstoffen im Umfeld, in der Luft, im Wasser oder im Boden, Strahlung/Elektrosmog).
  6. Produkte aus industriellen Chemieanwendungen (z.B. Chlor, Bisphenyle in Klebstoffen, Weichmacher)

Risiko für Allergien senken
Sind Allergien wirklich der Preis, den wir für unseren Lebensstil und unsere Bequemlichkeit zahlen müssen? Schätzungen zufolge leiden auf dem Globus weit über 300 Millionen Menschen an Allergien. Allein in den letzten beiden Jahrzehnten hat sich die Zahl der registrierten Fälle in Westeuropa verdoppelt, konstatierte das Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ in einer Studie 2013. Dr. Irina Lehmann – sie leitet das Department Umweltimmunologie und ist Sprecherin des Fachbereichs Gesundheitsforschung – untersuchte mit ihren Wissenschaftskollegen den Zusammenhang von Lebensstil und Umweltfaktoren und deren Einfluss speziell auf das Neugeborenen-Allergierisiko.

“Wurde früher das Immunsystem von Kindern zum Beispiel durch Infektionen trainiert, so fehlt ihm dieses Training heute vielfach – das Immunsystem ist quasi unterbeschäftigt. Deshalb kann es passieren, dass es auf eigentlich harmlose Stoffe wie Gräserpollen überreagiert”, beschreiben die Wissenschaftler eine fatale Entwicklung, die natürlich eng mit dem Wohn- und Lebensumfeld verbunden ist. Kommt dann noch ein Chemikalien-Cocktail hinzu, der im Lebensumfeld frei gesetzt wird, sei ein Weg in Richtung Allergie oft typisch. Dabei ist der Effekt umso stärker, je früher im Leben Chemikalien auf unser Immunsystem treffen, sagen die Forscher. Also können Bauprodukte durchaus eine Quelle für die ungesunde Belastung beispielsweise der Innenraumluft darstellen.

Von den Fachleuten werden drei Arten von Schadstoffen unterschieden:

  • Biologische (Schimmel, Keime)
  • Physikalische (z.B. Radon und elektromagnetische Felder)
  • Chemische (z.B. Asbest, VOCs – gemeint sind flüchtige organische Verbindungen – volatile organic compound, Formaldehyd)

So können Innenputz, Farben oder Bodenbeläge, die großflächig in Raumen verbaut und verlegt werden, durchaus Quellen für Schadstoffe sein. Durch ausgiebiges Lüften könnte vorübergehend Abhilfe geschaffen werden. Doch viele Emissionen bleiben für unsere Nase unbemerkt und führen im schlimmsten Fall mittel- und langfristig zu gesundheitlichen Problemen. Die Energieeinsparverordnung hat diese Entwicklung vielfach noch verstärkt. Die geforderten Wärmedämm- und Abdichtungsmassnahmen führen zu noch weniger natürlichem Luftwechsel. Was wiederum zu einer ungesunden Anreicherung von Schadstoffen in der Raumluft führen kann.

Wohngesund einrichten
Wohngesundheit und ein gesundes Innenraumklima hängen also nicht zuletzt vom Einsatz schadstoffarmer Produkte ab. Im besten Falle sollten diese Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen wie Holz, Flachs, Hanf, Schafwolle, Zellulose oder Kork bestehen, um die Umwelt zu entlasten und zugleich die Gesundheit zu stärken. Darunter befindet sich eine Reihe von Baustoffen, mit denen auch schon unsere Vorfahren gute Erfahrungen gemacht haben. Beispielsweise ist Lehm als Baustoff durchaus wieder up to date. Lehm ist fast überall ausreichend verfügbar. Ein historischer Baustoff, der energiesparend- und ressourcenschonend und sogar wiederverwendbar ist. Dieser Baustoff setzt keine Schadstoffe frei, reguliert dafür die Feuchtigkeit der Raumluft und bietet dazu einen guten Schallschutz.

Der Künstler und Architekt Friedensreich Hundertwasser hat bereits in den 1950er Jahren eine Wohnung als des Menschen “dritte Haut” bezeichnet. Ein paar Tipps, wie man sich in seiner “Wohn-Haut” besser fühlen kann:

  • Biologische Baustoffe dünsten keine Gifte aus
  • Sie lassen durch auch durch Wände, Dach und Decke frischer Luft von draußen nach drinnen
  • “Alte” Baustoffe wie etwa Lehm sind feuchtigkeitsregulierend: Das Raumklima ist nicht zu trocken, nicht zu feucht
  • Gesunde und natürliche Materialien sind gut für Allergiker geeignet, denn sie stärken zum Beispiel die Abwehrkräfte der Haut gegenüber Mikroben.
  • Chemische Gerüche lassen sich durch den Einsatz von biologischen Baustoffen ganz natürlich mindern.
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